Gemeinsam etwas Gutes zustande bringen

Fünf Jahre lang wirkte Res Theiler als Regisseur des alljährlichen Theaterprojekts an der GSH. Im Interview erzählt er vom Theater vor und hinter den Kulissen – und warum er sein Amt jetzt in andere Hände gibt.
Von Claudia Fahlbusch

75-jähriger Mann steht neben Brunnen in der Altstadt Bern und lacht in die Kamera
Der Mann hinter den Kulissen: Theaterregisseur Res Theiler. (Foto: Claudia Fahlbusch)

Der pensionierte Sekundarlehrer Res Theiler hat in seinem Leben mehr Theater-Weiterbildungen und -Workshops gemacht, als er zählen kann. In den letzten fünf Jahren betreute er als Regisseur das alljährliche Theaterprojekt der Lernenden des 2. Lehrjahrs an der GSH.

«Gemeinsam uneinig», das Theaterprojekt 2019, war sein letzter Streich. Wir trafen ihn zum Interview und wollten wissen, warum er aufhört, was ihm in Erinnerung bleibt – und wie man Leute auf die Bühne bekommt, die eigentlich gar nicht spielen wollen.

 

Res Theiler, du bist ursprünglich Sekundarlehrer. Wie kamst du zum Theater?

Es ist meine grosse Leidenschaft. Ich habe ein Leben lang Theater gespielt, auch mit meinen Schülerinnen und Schülern. Bei mir war es nicht so, dass man in der neunten Klasse ein Schlusstheater spielte und das war’s dann. Mindestens einmal pro Jahr habe ich mit meinen Klassen ein richtig grosses Theater inszeniert. Ich habe unzählige Kurse absolviert, als Weiterbildung, bei denen oft auch Profis dabei waren. Dabei habe ich viel gelernt. Viele Jahre lang stand ich selber auf der Bühne, aber je älter ich wurde, desto mehr interessierte es mich, Regie zu führen.

 

Gibt es eine Art Theater, die dir besonders gefällt?

Ich habe mich nie auf etwas festgelegt. Mich inspiriert jedes Theater, das ich schauen gehe. Ein besonderes Faible habe ich für die Stücke von Curt Goetz, die wir in einer Theatergruppe spielten, nachdem ich sie auf Berndeutsch übersetzt hatte.

«Man kann wohl sagen, dass es im Allgemeinen keine Nullachtfünfzehn-Leute sind, die an der GSH eine Lehre machen.»

Wie kamst du als Regisseur zum Theaterprojekt der GSH?

Ich habe früher an der GSH ein paar Jahre lang Informatik unterrichtet. Darum kannte man mich dort. Als mein Vorgänger aufhörte, hat man mich gefragt. Ich stellte zur Bedingung, dass ich mehr Zeit habe für die Erarbeitung des Stücks. Früher war es so, dass man das Ganze innerhalb einer Blockwoche auf die Beine stellte. Mit diesem Druck wollte ich nicht arbeiten. Also fing ich jeweils Anfang November an, einen Nachmittag pro Woche, und dann hatten wir am Ende doch noch eine Woche am Stück für den letzten Schliff.

 

Du hast ja viel Erfahrung im Theaterspielen mit Jugendlichen. Wie war das mit den Lernenden hier an der GSH?

Ich habe die Lernenden hier enorm positiv erlebt – und gleichzeitig war die Arbeit mit ihnen für mich eine Herausforderung. Man kann wohl sagen, dass es im Allgemeinen keine Nullachtfünfzehn-Leute sind, die an der GSH eine Lehre machen. Es ist auch nicht wie in einer «normalen» Schulklasse mit lauter Gleichaltrigen, von denen einige gleiche Interessen pflegen. Die Vielfalt ist wesentlich grösser. All diese Persönlichkeiten unter einen Hut zu bringen, das war nicht immer einfach.

Für das Theaterstück kamen meistens sehr viele Ideen – man hätte endlos weiter machen können. Diese Zeit hatten wir natürlich nicht. Wir mussten auf ein Resultat hin arbeiten – möglichst ohne dass sich jemand abgewiesen fühlte, weil sein Input nicht umgesetzt wurde. Es war jedes Jahr eine gemischte Gruppe, und so entstand jedes Jahr etwas komplett anderes. Je nachdem, wer dabei war, gab es entweder stille Stücke oder eher laute.

«Ich erzählte den Lernenden nicht, was man jetzt machen könnte, sondern hörte einfach zu.»

Wie fängt man an? Wie entwickelt man so ein Stück?

Ich fing immer gleich an, mit dem berühmten Kreislein: Was habt ihr für Ideen? Ich erzählte den Lernenden nicht, was man jetzt machen könnte, sondern hörte einfach zu. Und mit dem, was aus der Runde kam, ging ich weiter, schaute, was kann man zusammensetzen zu etwas Ganzem. Wie lange das dauerte, war ganz unterschiedlich. Diesen Winter war das grosse Thema innerhalb von einer Stunde klar. Da habe ich gestaunt. Diese Gruppe war auch die erste, in der niemand schon gleich am Anfang klarstellte, er oder sie gehe auf keinen Fall auf die Bühne. Das war sonst immer so. Mindestens eine Person wollte definitiv nicht auf die Bühne.

 

Was hast du gemacht, wenn jemand überhaupt nicht wollte?

Es hatten immer alle eine Rolle, und wer nicht auf die Bühne wollte, sass daneben, zum Beispiel als Erzähler, um das Ganze zusammenzuhalten. Wir hatten einmal einen Lernenden, der war aus der Romandie und wollte partout keinen Text sprechen. Dennoch spielte er in etlichen Szenen und sprach dabei kein Wort, und das ist gar niemandem aufgefallen.

 

Man muss im Improvisations-Theater ja die Leute so einsetzen, dass sie ihre Fähigkeiten ausspielen können.

Ja, das kannte ich aus der Schule schon zur Genüge. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass manche beim Theaterspielen eine richtige Entwicklung durchmachen. Da habe ich oft gestaunt. Da kommen plötzlich Fähigkeiten zum Vorschein, die sich im normalen Schulbetrieb gar nicht zeigen. Diese Erfahrung habe ich auch in Hünibach gemacht; wie manche der jungen Leute plötzlich aus sich heraus kamen, aktiv wurden, Ideen hatten, die uns wirklich weiterbrachten.

«Man hat gemeinsam etwas Gutes zustande gebracht, und ich glaube, das ist für alle ein gutes Gefühl.»

Gab es von Seiten der Lernenden auch Widerstände gegen das Theater?

Oh ja. Die gab es immer wieder. Das war auch von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Dieses Jahr hatte ich das Gefühl, dass die meisten Freude daran hatten. Das war nicht in jedem Jahr so. Totale Verweigerer hatte ich allerdings nie. Es gab Lernende, die bis zum Schluss sagten, das sei ein «Seich» und es stinke ihnen, aber sie halfen doch mit.

 

Bringt es denn überhaupt etwas, wenn es der Hälfte der Truppe «stinkt»?

Ich glaube schon, wenn ich daran denke, wie nach den Aufführungen dann doch alle stolz waren, auch die, denen es zuwider war. Man hat gemeinsam etwas Gutes zustande gebracht, und ich glaube, das ist für alle ein gutes Gefühl.

 

Wie holt man diejenigen ins Boot, die überhaupt keine Lust zum Theaterspielen haben?

Nicht darauf herumreiten, die Leute in Ruhe lassen und schauen, was passiert. Keinen Widerstand leisten. Oft kriegen sie dann doch plötzlich Lust, mitzumachen, etwas beizutragen, und dann entsteht etwas daraus. Und auf einmal sind sie dabei.

 

Dieses Jahr hat erstmals Tabita Uske, ehemalige Lernende an der GSH, bei der Regie mitgeholfen. Wie war das?

Das war absolut fantastisch für mich. Damals, als sie selber als Lernende hier war und Teil des Theaterprojekts mit ihrer Klasse, hat sie mich ab und zu sehr gefordert. Aber was sie sagte, hatte immer Hand und Fuss. Es war bühnenwirksam. Sie hat einfach ein Auge dafür. Deshalb war ich auch sofort einverstanden, als sie letztes Jahr anfragte, ob sie mithelfen dürfe. Wir haben sehr voneinander profitiert. Sie hat mehr Schwung hinein gebracht. Das hat mir sehr viel Druck weggenommen.

Sie hatte auch überhaupt kein Akzeptanzproblem bei den Jungen. Sie sprühte vor Ideen, und das wirkt sich auch aus auf die Moral der Gruppe. Dieses Mal hatten wir ja eine sehr grosse Gruppe, achtzehn Leute, und da konnten wir uns aufteilen in zwei Teams, um Szenen auszuprobieren. Das war natürlich viel effizienter.

 

Warst du bei den Aufführungen dabei?

Ja, anders als früher im Schultheater. Da habe ich es fast nicht ausgehalten und ging stattdessen ein Bier trinken, weil ich so nervös war. Nervös bin ich immer noch. Man steht ja dann daneben und kann nichts machen, wenn etwas schief geht.

 

Es war dein letztes Theater an der GSH. Warum hörst du auf?

Eigentlich hatte ich vor, noch ein Jahr weiterzumachen, aber nun hat sich jemand gefunden, der mein Amt übernehmen möchte. Also lege ich diese Arbeit jetzt in andere Hände. Rein von der Theaterarbeit her hätte ich das gerne noch lange gemacht, aber ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr so viele Nerven habe wie früher. Deshalb stimmt für mich der Zeitpunkt jetzt perfekt.

«Eine Rolle zu spielen, die mit dir überein stimmt, ist nicht spannend. Aber eine Figur mit total anderer Persönlichkeit zu spielen – das ist hohe Kunst.»

Was macht Res Theiler, wenn er nicht mehr Regie im Theater führt?

Meine andere grosse Leidenschaft ist die Schifffahrt. Noch während meiner Tätigkeit im Schuldienst nahm ich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub und ging als Kassier aufs Schiff, auf den Thunersee. Und seither liess mich diese Welt nicht mehr los. Als Kassier bin ich nicht mehr tätig, aber ich führe immer mal wieder Trauungen auf dem Schiff durch.

 

Wenn du zurück blickst auf dein «Theaterleben»: Welche Gegebenheit fällt dir spontan ein?

Ich weiss noch, als ich bei einem Impro-Theater nach vorne trat und ein komplettes Blackout hatte. Ich hatte keine Ahnung, was ich spielen sollte. Da kam einer der Profi-Schauspieler in der Truppe, der das sofort gemerkt hatte, und sagte zu mir: «Gell, bei dem Wegweiser kommt man wirklich nicht nach.» Ich bin ihm fast um den Hals gefallen. Und einmal spielte ich einen Mafia-Boss, offenbar so realistisch, dass mir einige meiner Schauspiel-Kollegen sagten, sie hätten mich am liebsten in den Hintern getreten, weil ich mich so ekelhaft benahm.

Das habe ich den Jungen immer gesagt: Eine Rolle zu spielen, die mit dir überein stimmt, ist nicht spannend. Aber eine Figur mit total anderer Persönlichkeit zu spielen – das ist hohe Kunst.

Res Theiler, vielen Dank für das Interview und weiterhin Schiff ahoi!

Die GSH-Theater unter der Regie von Res Theiler


2015 Gärtner sind Helden
2016 Drugs, Sex und Trudy Gerster
2017 Ungehorsam ist die wahre Grundlage der Freiheit
2018 Perspektivenwechsel
2019 Gemeinsam uneinig

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