Upcycling: Der Rucksack aus der Region

Tom Wyss aus Hünibach verarbeitet ausgediente Taschen für Rettungsbretter zu stylischen Rucksäcken. Am Frühlingsfest zeigt er sie – und wir wollten von ihm wissen, wie er auf diese Idee kam und was das Besondere daran ist.
Von Claudia Fahlbusch

Mann um die vierzig mit dunklen kurzen Haaren und grauem Bart steht im Innenhof einer Gärtnerei und schaut in die Kamera
Am Frühlingsfest präsentiert er seine Rucksäcke: Tom Wyss. (Foto: Claudia Fahlbusch)

Mehrere Monate lang arbeitete Tom Wyss im Bührerhaus, von dem die GSH Teile gemietet hat, an seinen Rucksäcken. Die Resultate sehen Sie am Frühlingsfest, wo er seine Kreationen präsentiert und an Ort und Stelle mit Prägebuchstaben Schlüsselanhänger aus Leder personalisiert. Wir trafen ihn zum Interview.

Tom Wyss, wie kommt ein gelernter Tiefbauzeichner und studierter Sozialpädagoge dazu, Rucksäcke zu produzieren?

Nach dem Studium arbeitete ich mit Jugendlichen in einem Projekt, bei dem wir Taschen aus PVC-Blachen herstellten, ähnlich den Freitag-Taschen. Dort lernte ich die Arbeit mit der Industrie-Nähmaschine kennen. Das hat mir gefallen, und so entstand der Wunsch, dass ich selbst etwas produzieren wollte, aber mit anderem Material. PVC ist zwar angenehm zum Verarbeiten, aber ich finde es wenig sinnvoll, wenn man neuen Plastik kauft, um daraus etwas zu nähen. Auch bevorzuge ich grundsätzlich grobes Material. Ich bin nicht so der «Gäggeler».

Letzten Frühling kündigte ich meinen damaligen Job, ursprünglich mit der Idee, eine neue Stelle im Sozialbereich zu suchen. Bekannte sahen den Rucksack-Prototyp am Rücken meiner Frau, und mit der Zeit kamen fast zwanzig Bestellungen zusammen. Nachdem mein Arbeitsverhältnis im Sommer beendet war, begann ich direkt mit Nähen.

Drei Rucksäcke aus dickem blassgrünem Baumwollstoff mit Lederriemen auf einer Werkbank
Und so sehen sie aus, die Rucksäcke von Tom Wyss. (Foto: Tom Wyss)

Wie hast du «dein» Material gefunden?

Ich kaufte einen Liquiditätsposten auf, das waren Taschen für Rettungsbretter, diese Bahren, die das Militär und die Feuerwehr benutzen. Es ist vermutlich ein Gemisch aus Leinen und Baumwolle, also ein natürliches, aber grobes, strapazierfähiges Material. Man muss die Nähte auftrennen, um den Stoff weiterverarbeiten zu können. Am Anfang tat ich das selbst, aber jetzt machen das die Jugendlichen in dem Projekt, wo ich früher gearbeitet habe, und ich konzentriere mich auf die weitere Verarbeitung. Seit Anfang Februar mache ich das in Teilzeit; ich arbeite zusätzlich als Sozialpädagoge in einer Wohngruppe.

«Es ist ein Upcycling-Produkt, indem bestehendes Material neu verwendet wird.»

Was ist das Spezielle an deinen Rucksäcken?

Erstens ist es ein Produkt aus der Region, das vollumfänglich hier hergestellt wird, in Handarbeit. Das Leder für die Riemen beispielsweise stammt aus der Gerberei Steffisburg. Befestigt sind die Riemen an Haken, die früher Blachen an Militärfahrzeugen befestigten. Die habe ich eigenhändig einen ganzen Nachmittag lang von den Blachen abgeschnitten. Speziell sind auch der Stoff und die Verschlüsse, die gleichzeitig als Griff dienen, wenn man den Rucksack als Einkaufstasche benutzt.

 

Das klingt nach Multifunktionalität. Was begeistert diejenigen, die so einen Rucksack kaufen?

Er ist unauffällig, strahlt aber Wertigkeit aus. Das Design ist klar und schlicht, fast schon minimalistisch; nichts daran ist zu viel und es kann wenig kaputt gehen. Ich verzichte zum Beispiel komplett auf Reissverschlüsse. Und es ist ein Upcycling-Produkt, indem bestehendes Material neu verwendet wird.

«Mir ist es wichtig, dass die Leute mit dem Rucksack zufrieden sind und Freude daran haben.»

Wie viele Modelle gibt es – und was kostet so ein Teil?

Es gibt drei Grössen, die habe ich als Ausstellungsmodelle. Einige wenige Rucksäcke stehen im Lager zum Verkauf bereit, aber die meisten produziere ich auf Bestellung. Da kann man auch noch individuelle Wünsche anbringen, die ich erfülle, wenn es das Material und die Verarbeitungstechnik erlauben. Der Preis für ein reguläres Modell beträgt 290 Franken.

 

Und wenn etwas kaputt geht?

Dann repariere ich das selbstverständlich, wenn ich kann. Mir ist es wichtig, dass die Leute mit dem Rucksack zufrieden sind und Freude daran haben. Deshalb gebe ich eine Handschlaggarantie.

 

Wie geht es weiter? Hast du eine Vision? Soll die Firma wachsen?

Wenn es weiterhin gut läuft, werde ich in Zukunft vielleicht Teilarbeiten auslagern, an regionale und soziale Betriebe, das Zuschneiden zum Beispiel. Am liebsten mache ich möglichst viel selber, aber ich arbeite auch sehr gerne mit Leuten zusammen, im menschlichen und kreativen Austausch. Vielleicht biete ich irgendwann einen integrativen Arbeitsplatz an. Das könnte ich mir gut vorstellen.

 

Tom Wyss, vielen Dank für das Interview!

Mehr dazu

Tom Wyss und seine Arbeiten auf Instagram

Die Website «Alte Schule» von Tom Wyss

Alle Infos zum Frühlingsfest

Weitere Impressionen

Eine blassgrüne Tasche mit Lederhenkeln steht auf einer Werkbank

Zwei blassgrüne Rucksäcke mit Lederriemen, einer von vorne und einer von hinten, stehen auf einer Werkbank

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