«Im Grossen und Ganzen war es immer friedlich»

18 Jahre lang war Trudi Andrae als Nachtwache im Internat bei uns im Einsatz. Im Interview schaut sie zurück auf viele schöne Begegnungen und aufregende Momente.
Interview: Claudia Fahlbusch

Trudi Andrae. (Foto: zvg)

Den Lernenden der GSH bieten wir im Internat 15 Betten an, verteilt auf Einzel- und Zweierzimmer. Wer jünger ist als 16 Jahre, muss ab 22 Uhr auf dem Areal sein und hat einmal pro Woche bis 23.30 Uhr Ausgang. Auch nachts sind die Lernenden nie allein: Eine Nachtwache ist vor Ort und kümmert sich um grosse und kleine Sorgen.

Unser Nachtwachen-Team zählt fünf Personen. Trudi Andrae war eine von ihnen. Die gelernte Bäuerin mit theologischer und pädagogischer Ausbildung war 18 Jahre lang durchschnittlich eine Nacht pro Woche bei uns im Einsatz, bis zum letzten Sommer. Wir trafen sie zum Interview und durften sie ein bisschen ausfragen.

 

Trudi Andrae, was haben Sie als Nachtwache in der GSH die ganze Nacht gemacht?

Zuerst durfte ich mit den Lernenden zusammen Znacht essen. Dabei bekam ich einen ersten Eindruck davon, wie die Stimmung war oder wie es Einzelnen ging. Danach schaute ich, dass das Abwasch-Ämtli erledigt wurde. Den Rest des Abends verbrachten wir je nach Wunsch mit Spielen, TV schauen, Lernen, Pflanzen abfragen oder anderem. Manche brauchten auch ab und zu jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten konnten. Um 22 Uhr schaute ich, ob die Minderjährigen alle da waren, und schloss dann die Haustüren.

 

Sie haben viele Nächte mit jungen Menschen hier verbracht. War der Umgang miteinander früher anders als heute?

Es hat schon Veränderungen gegeben. Früher machten bei Abendaktivitäten fast alle mit. Man verbrachte den Abend zusammen. Heute fragt man, wer mitmachen möchte. Meistens ist das eine kleinere Gruppe. Auch die Essgewohnheiten haben sich verändert. Viele leben und essen bewusster. Manche essen kein Fleisch oder sogar vegan. Themen wie Umwelt und Bio oder wie wir das eigene Leben gestalten wollen, interessiert. Darüber wird dann auch heftig diskutiert.

 

Was ist gleich geblieben in all den Jahren?

Die Sorgen und Nöte der Jugendlichen von heute sind nicht viel anders als früher. Wenn sie Probleme haben, geht es oft um Konflikte daheim oder mit Kollegen – oder um Liebeskummer.

 

Ohne Smartphone geht ja für viele Jugendliche gar nichts mehr. Wie haben Sie diese «Revolution» im Umgang mit den Jungen erlebt?

Eigentlich positiv. Die Jungen sind zwar schon oft damit beschäftigt, aber ich finde, es schafft auch mehr Kontaktmöglichkeiten. Kontakte, die manchmal noch lange über den Lehrabschluss hinausgehen.

 

Wie sah ein typischer Abend im Internat der GSH aus? Gab es bestimmte Aktivitäten?

Das war unterschiedlich und entstand meistens spontan. Es war immer viel Kreativität vorhanden, und oft hatte jemand eine Idee, die dann umgesetzt wurde. Einmal haben sie zum Beispiel während mehreren Abenden gemeinsam eine Wolldecke gestrickt, damit sie es auf dem Sofa gemütlicher hatten. Im Winter habe ich mit den Lernenden Mal-Workshops durchgeführt. Die Bilder wurden danach im Esszimmer ausgestellt.

 

Erinnern Sie sich an aufregende Momente?

Ja, durchaus. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als die Mauer rund um das Gelände der GSH noch stark mit Efeu bewachsen war. Eine Ente hatte dort oben ihr Nest. Als sie mit ihren Jungen zum See wollte, fand sie den Ausgang nicht. Die Lernenden zeigten ihr den Weg und begleiteten sie zum See, indem sie die Autos auf der Seestrasse stoppten und den kleinen Entlein über den Randstein halfen. Und einmal hat sich ein Fuchs in den zweiten Stock verirrt und verzweifelt an einer Zimmertür gekratzt, weil er den Ausweg nicht mehr fand, sehr zum Schrecken der Lernenden.

 

Gab es auch Konflikte?

Die Lernenden waren natürlich nicht immer einer Meinung, und manchmal ging man sich aus dem Weg. Ab und zu gab es Aufregung wegen Ruhestörungen. Manche fanden es nicht so toll, dass ich als Nachtwache monatlich ihr Zimmer kontrollieren musste. Aber im Grossen und Ganzen war es friedlich.

 

Sie waren achtzehn Jahre an der GSH. Was hat Ihnen dort gefallen, dass Sie so lange blieben?

Für mich waren die Arbeitszeiten ideal, und ich mochte die Arbeit mit den jungen Leuten. Ich war immer in der Jugendarbeit engagiert und habe auch Jugendlager geleitet. Und ich mochte das von der Natur geprägte Ambiente in der Gartenbauschule. Die Offenheit der Schule gegenüber uns Nachtwachen habe ich sehr geschätzt. Wir hatten viel Freiheit und konnten unsere Vorschläge einbringen. Auch die Supervision und die vierteljährlichen Sitzungen, an denen wir uns austauschen konnten, waren eine gute Sache.

 

Wie geht es jetzt für Sie persönlich weiter, wenn Sie nicht mehr «nachtwachen»?

Ich pflege weiterhin meine Leidenschaft für das Malen und gebe regelmässig Mal-Workshops in Spiez. Ich denke mit viel Freude an die Nachtwache-Zeit zurück und wünsche der GSH weiterhin viel Erfolg.

 

Trudi Andrae,  vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

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